Text: Doris Günther
Fotos: Antje Wolm / 28. Mai 2019

4 Tipps für das Zusammenarbeiten mit einem herausfordernden Vorgesetzten

Aus der Reihe - Briefe an Anna

Wenn man es jemandem möglichst recht machen möchte, tut man sich selbst nichts Gutes. Ich denke, darüber sind wir uns einig. Wir fühlen uns gestresst und sind weder körperlich noch mental bei uns selbst. In diesem Brief gibt Doris 4 Tipps, wie man in so einer Situation wieder das Bewusstsein für sich selbst bekommt und behält.

Liebe Anna,

gestern hab ich mich nach langer Zeit wieder mal mit Ruth getroffen. Und ob du’s glaubst oder nicht, sie ist nach wie vor die Assistentin vom Heller. 

Und rate, worüber wir den halben Abend lang gesprochen haben. Genau. Über den Mann, mit dem sie Montag bis Freitag bei Tageslicht ihre Lebenszeit teilt.  Wir beide wissen, dass es nicht in Ruths Natur liegt, verbale Rundumschläge zu machen. Das heißt, wenn es jemand schafft, dass sie sich beschwert, dann ist Feuer unterm Dach.

Dir muss ich ja nicht extra alle ihre positiven Seiten aufzählen. Aber der Richtigkeit halber fasse ich nochmal kurz zusammen: Ruth ist: gebildet, zuvorkommend, gewissenhaft, zuverlässig, freundlich, ordentlich und hat ihr Herz am rechten Fleck. Abgesehen davon ist sie äußerst attraktiv, aber das erkennt sie selbst momentan leider auch nicht mehr. 

Und weißt du, was der Heller macht? Bzw. was er nicht macht? Er erkennt das alles nicht. Oder er erkennt es, zeigt das aber nicht. 

Ruth macht täglich Überstunden, Ruth vergisst, Wasser zu trinken, Ruth hat Nackenverspannungen und Magenschmerzen. Ruth versucht, ihm zwischen Tür und Angel wichtige Mitteilungen zu machen und hat ständig das Gefühl, sowieso nie mit etwas fertig zu werden. Ausserdem ist sie so emphatisch und merkt genau, welche Themen ihn nerven, sodass sie das Gefühl hat, sie müsse sie von ihm fern halten, obwohl sie in sein Aufgabengebiet fallen.

Und Ruth hat Angst. Angst, nicht gut genug zu sein und Angst, ausgetauscht zu werden und ohne Job dazustehen. Ich hab dezent versucht, ihr Weltbild ein bisschen zurecht zu rücken. Ich hab’s mal damit versucht:

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1. WERTSCHÄTZUNG

Ein Chef hat zwar eine andere Position als eine Assistentin; das bedeutet, er hat ein anderes Aufgabengebiet, trägt mehr Verantwortung und bekommt ein anderes Gehalt. Das bedeutet aber nicht, dass er als Mensch einen höheren Wert hat, der ihn berechtigt, unachtsam mit seinen MitarbeiterInnen umzugehen.  

2. KLARHEIT​

Sie hat ein Recht auf eindeutige Informationen, die ihr Aufgabengebiet betreffen. Sie darf solange nachfragen, bis sich ein angenehmes Gefühl in ihrem Körper einstellt und sie weiß, welche Aufgaben wie zu erledigen sind.

3. DEN EIGENEN WERT SEHEN

Eine gute Assistentin ist gold wert. Und eine gute Assistentin weiß das. Sie kennt ihren Wert und fordert den nötigen Respekt ein. (Zumal sie selbst ja so eine respektvolle Person ist). Ja, man darf auch seinen Chef höflich um Respekt bitten. Das funktioniert gut; ich hab das selber schon gemacht. 2 Tage später hat sich mein damaliger chronisch cholerischer Chef bei mir für sein Verhalten entschuldigt und es wirklich nachhaltig verändert. Das habe ich ihm hoch angerechnet. Damals war ich übrigens zarte 22 Jahre alt. Weißt du noch?

4. AUSSTRAHLUNG VERÄNDERN

Immer wenn sie bemerkt, dass sie sich gestresst fühlt, soll sie sich ganz fest mit ihrem Atem verbinden. Und immer ein bisschen länger ausatmen als einatmen. Das ist die Information an ihren Körper, dass es jetzt nicht um Leben und Tod geht, dass sie sich wieder ein bisschen entspannen kann und in ihre Würde und Größe gehen kann. Das strahlt sie dann auch aus. Und das ist der Beginn, vom Heller anders wahrgenommen zu werden. 

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PS: Ich weiß, auch Heller steht unter Druck. Das ist aber trotzdem kein Grund, sich so zu verhalten. 

Weil: Entweder wir schnauzen uns alle gegenseitig an und entwickeln Verständnis für diese Tonlage, weil wir ja alle so unter Druck stehen (wer ist da eigentlich der Urübeltäter?) oder wir unterbrechen mal den Kreislauf und überlegen uns, auf welche Weise wir gerne behandelt werden möchten und wie wir selbst mit anderen umgehen möchten. Wertschätzung ist auf alle Fälle keine Frage von Berufspositionen. Wertschätzung ist die Grundlage für ein lebens- und liebenswertes Miteinander. 

Aber wem sag ich das? Wir sind uns da ja sowieso einig :). Ich bin guter Dinge, dass Ruth nächstes Mal schon ganz andere Geschichten aus ihrem Arbeitsleben erzählen wird!

Also liebe Anna, ich soll dir übrigens liebe Grüße von ihr ausrichten und dir einen dicken Kuss schicken!

Hab dich lieb,

Doris

Über Doris Günther

Doris Günther lebt, liebt und arbeitet in Linz. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn. 

In ihrer Praxis bringt sie zum einen mit ihren Händen Blockaden zum Schmelzen und zum anderen leitet sie Menschen an, ihren eigenen Horizont zu entwerfen, um ihre Träume Wirklichkeit werden zu lassen.

Ihre Vision ist eine Welt, in der wir uns gegenseitig unterstützen, voneinander lernen und unser volles Potenzial entfalten. So macht das Leben Freude!

weitere Beiträge aus der Reihe "Briefe an Anna"

Briefe an Anna

Es gibt doch nichts Schöneres, als das zu machen, was uns glücklich macht… Und wenn wir damit auch noch andere glücklich machen, dann verspüren wir ein Gefühl der Dankbarkeit und inneren Glückseeligkeit. 

Briefe an Anna

Kennst du das auch, wenn deine Zweifel mal wieder über deine Ideen, Pläne oder Visionen überhand nehmen und du sie aufgibst, bevor du überhaupt ins Tun kommst? Anna kennt das auch. Und deshalb hat Doris es sich nicht nehmen lassen, ihr diesen Brief zu schreiben.

Briefe an Anna

Wer kennt es nicht: man muss ein Telefonat oder ein Gespräch führen, wovor man sich drückt, weil es sich unangenehm anfühlt. Man zögert es hinaus, doch das Gefühl bleibt. Anna kennt das auch. Allzu oft hat sie dieses Gefühl. Nach diesem Brief wird es Anna sicher leichter fallen.

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